Sonntag, 10. Mai 2015

I can be googled therefore I am. - re:publica 2015


This entry will be in german. - Ich habe mich entschieden, diesen Eintrag auf Deutsch zu schreiben, weil ich das Gefühl hatte, manche Gedanken dann besser ausdrücken zu können.

Schon letztes Jahr hatte ich überlegt, dass ich mal die Koferenz re:publica besuchen könnte, da mir einige Arbeitskollegen davon erzählt hatten. Hierbei handelt es sich um eine Veranstaltung, die über mehrere Tage geht und wo Vorträge gehalten werden zu den Themen Web 2.0, Soziale Medien und digitale Gesellschaft. Für mich und meine Arbeit sind das interessante Themen und da sich zu gegebener Zeit ein Sponsor für das Ticket anbot (Danke, Papa!), wollte ich die Chance nutzen. Leider hatte ich am ersten Tag der Koferenz noch Termine, doch für den zweiten und dritten konnte ich vor Ort in Berlin sein.
Zunächst noch ein Dankeschön an morphoportis, bei der ich die Nacht verbringen konnte. Es war total schön, dich wieder zu sehen. Doch dazu später mehr.

Ich hab die unglaublich günstige Reisemöglichkeit des Busses genutzt und bin ganz früh am Mittwoch Morgen nach Berlin gefahren. Ich kann dies nur weiter empfehlen. Die Busse sind nicht nur günstig, sondern auch sauber und waren bei der Hin- und Rückfahrt pünktlich. Ich war gegen Mittag bei morphoportis, weil ich dort ein paar Sachen ablegen konnte, doch ich habe nicht lange verweilt und mich zum Konferenzgelände begeben.
Wie das immer so ist, bei einem Ort voller Menschen, die man nicht kennt, ist man im ersten Moment sehr verunsichert. Zumindest ist das bei mir so. Ich war auch etwas irritiert, weil so viele Menschen die meiste Zeit einfach nur draußen standen oder saßen und mit anderen geredet haben. Doch hier merkt man, dass es mein erstes Mal auf einer Netzwerk-Veranstaltung ist. Darum geht es wohl hauptsächlich, netzwerken. Etwas anderes, was mich selbst deutlich von den anderen unterschied, war, dass ich nicht ständig meinen Mac aufklappte oder auf mein iPhone sah. Liegt zum einen daran, dass ich diese Geräte nicht besitze, und zum anderen war ich viel zu sehr mit der Welt um mich herum beschäftigt. Doch so sieht er aus, der gemeine re:publicaner. Meistens sitzt er da an den Geräten. So sehr ich fasziniert bin vom Internet und von Computern, so sehr hat es mich auch abgeschreckt, ein Postergirl (oder Posterboy) zu sein. Aber vom Prinzip her war es okay. Denn ich hatte mir ja einen Plan gemacht. Ich wollte diverse Vorträge tatsächlich auch live sehen und nicht erst später auf Youtube.



Mein erster Vortrag, den ich besuchte, war ausgerechnet ein Vortrag übers Trollen (The Art of Trolling). Viele Leute, auch ich, haben uns wohl sonstwas unter diesem Vortrag versprochen, doch zunächst wurde uns was vom fischen erzählt und wie man Fische ins Netz bekommt und wir brauchten eine halbe Stunde, bis wir merkten, dass wir getrollt wurden. Einige verließen genervt den Raum, andere fragten, ob sie die letzten 30 Minuten ihres Lebens wieder haben konnten. Doch ich fand es witzig. Und das ist eine der Hauptregeln, so sagten sie auf dem Vortrag. Wenn man trollen möchte, dann muss man es witzig finden, was man gerade tut. Und man muss so tun, als hätte man Ahnung wovon man gerade spricht. Zum Beispiel vom Fischen.


 Dann bin ich ein wenig herum gelaufen und habe mir den Ausstellungsteil angesehen. Vom 3D-Drucker, über Pay with Peanuts, Portraits von sich selbst gemalt bekommen, so viel war dabei und ich habe des öffteren nur die Hälfte verstanden. Doch es gab immer etwas zu gucken für mich, wenn ich zwischen den Vorträgen mal Zeit hatte.
Den nächsten Vortrag habe ich mir auf der größten Bühne angesehen. Es ging um die Bewegung Anonymus. Bei Interesse, der Vortrag ist hier:


Daraufhin ging ich zu einem Vortrag, der für mich zu den spannendsten zählte. Der da hieß 'Öffentlich-rechtliche Medien als digitales Paradies - eine Halluzination!'. Dort traf ich auch einen meiner Chefs vom NDR, was mich nicht gewundert hat. Leider gibt es keine Aufzeichnung von diesem, aber ich versuche selbst etwas dazu zu sagen.


Der Vortrag begann damit, dass der Journalismus, so wie wir ihn uns wünschen, tot sei. Und dass die öffentlich-rechtlichen Medien ein sehr wichtiges Moment in der Sicherung der Demokratie darstellen. Doch so, wie es momentan läuft, scheint es nicht zu funktionieren. Erwähnt wurde auch das Event auf Facebook, dass mit 2 Millionen Stimmen gegen die Rundfunk-Gebühren wettert. Ein tatsächlich sehr beängtigendes Event, in dem oft Leute auch gern das Wort 'Lügenpresse' fallen lassen. Doch für mich war schon von Anfang an klar, dass das Quatsch ist. Wir brauchen die Öffentlich-Rechtlichen. Und in diesem Vortrag wurden 10 Thesen vorgestellt, die sie mit den Anwesenden gern besprechen wollten. Sollte es gut laufen, würden sie sich an die Arbeit machen, dass diese 10 Thesen auch umsetzbar seien. Ich habe diese hier einmal aufgelistet:
  1. Alles überall und zu jeder Zeit – alle öffentlich-rechtlich produzierten Inhalte gibt es im D-Player unter CC, embeddbar etc.
  2. Partizipation ist Realität, Dialog Alltag – Rundfunkräte sind Userräte und werden öffentlich gewählt
  3. 10% aller Gebührenmittel fließen in einen Innovationspool – der Pool ist für alle zugänglich
  4. Grundversorgung bedeutet Grundversorgung überall – plattformunabhängig
  5. Grundversorgung bedeutet, dass öffentlich-rechtliche Medien ihre Produktionsstrukturen auch für Dritte bereitstellen
  6. Öffentlich-rechtlichen Medien gehen ihrem Bildungsauftrag nach: Roadshows in Schulen erklären wie Medien und Netz funktionieren
  7. Medienforschung ist ein permanenter öffentlicher Prozess
  8. Öffentlich-rechtliche Medien fordern und benötigen Netzneutralität!
  9. Die Haushaltsabgabe macht Bock, weil die öffentlich-rechtlichen Infrastrukturen und Programme Bock machen – aber sie ist einkommensabhängig
  10. Archive sind öffentlich!
Außerdem wurde darauf hingewiesen, dass die Indentanten der öffentlich-rechtlichen Medien oft einem gewissen Muster entsprechen und deswegen wurde auch gefordert: #wwmh - weniger weiß männlich hetero. Und eine bessere Vertretung der Minderheiten.
Natürlich gab es unter den Anwesenden viele Bedenken. Vor allem, wie manche Punkte denn umsetzbar seien. Doch das war ja der Gedanke. Zunächst wurde es vorgestellt und dann wird sich um die Umsetzung gekümmert. Die beiden SprecherInnen erzählten auch, dass ARD (Dinosaurier I) und ZDF (Dinosaurier II) bereits Interesse bekundet hätten. Mehr Infos hier und hier.

 
Dann bin ich zum Medieninnovationszentrum Babelsberg Lab (ein Glaskasten in dem kleinere Sendungen aufgezeichnet wurden) im Ausstellungsbereich. In der Sendung sollte ein Projekt, an dem auch ein Kollege von mir mit gearbeitet hat, gepitched werden. Insgesamt wurden drei Projekte vorgestellt und es gab 3 Personen, die Feedback gegeben haben. Das erste war das Projekt wEYE. Ein großartiges Ding. Vom Prinzip her geht es, darum, dass Videos, die von einem Geschehen in der Welt hochgeladen werden, über dieses Tool verifiziert werden können, sodass zum Beispiel Nachrichten eine sichere und glaubhafte Quelle habe. Allerdings hatte es mich auch zum Nachdenken gebracht, denn diese Informationen, die dort hochgeladen werden, sind natürlich nur verfügbar, wenn das auch jemand bezahlt. Mir kam der Gedanke, dass jeder laut Gesetz Anspruch hat auf Information hat. Genaugenommen sollten ja Öffentlich-Rechtliche auch für so etwas da sein. Ich habe mich gefragt, ob Informationen nicht auch zu etwas zählen sollten, wie die Grundrechte. Idealerweise so zugänglich wie Wasser. Ich weiß, Wasser ist nicht überall zugänglich und wir bezahlen auch für Wasser, ABER es wäre ein Ideal... vielleicht spinn ich auch gerade nur etwas. Aber mir will auch das Wort Informations-Flatrate nicht mehr aus dem Kopf.
Es folgte ein zweites Projekt, welches ich aber mehr als Spielkram empfunden habe und dann das dritte, an dem auch mein Kollege mitgearbeitet hat. Das Lobbyradar. Es stellt die Verbindungen von Politikern und Lobbyisten dar. Dank dieser Veranstaltung habe ich ein bisschen mehr von Lobbyismus verstanden. Und noch dazu hat das ZDF mitgewirkt, also tatsächlich zu meiner Momentanten Lieblingsdebatte beigetragen, indem es so ein wichtiges Tool mit gefördert hat.

Dann war der erste Tag erst mal vorbei und ich bin zu morphoportis nach Hause gefahren. Ich war ziemlich geschafft, aber ein Teller Nudeln hatten mich schnell wieder auf die Beine gebracht und wir sind raus, um etwas spazieren zu gehen und zu dem Rummel, der bei ihr in der Nähe stattfand. So konnte ich noch ein paar schöne Fotos machen.








Ein neuer Tag, neue Eindrücke. Nachdem wir lecker morgens bei einem türkischen Bäcker gefrühstückt hatten und schön lange in der Sonne sitzen konnten, packte ich meine Sachen für den letzten Tag der re:publica. Ich startete mit einer eher langweiligen Diskussion zu Streamingdiensten wie Spotify oder Deezer und wie Nutzer sie lieben, aber Musiker sie hassen. Ich war gewissermaßen da, weil ich Musikmanagement studiert habe und vielmehr erwartete, dass sie mir vielleicht was neues erzählen würden. Dem war allerdings nicht so.
Dann schaute ich mir den Vortrag 'Imagining Europe with or without Muslims' an, aus gegeben umständen. Hier das Video dazu:


Ich habe nicht viel dabei gelernt, doch ich wurde in vielem bestätigt. Danach folgte ein kleines Highlight. Der bekannte Twitterer NeinQuarterly hielt einen Vortrag, natürlich sehr witzig und auch ein wenig schrullig.


Soweit ich ihn verstanden habe, könnte man Europa auch nur als eine utopische Idee sehen, wenn wir nicht versuchen, es besser zu machen. Er wollte uns gewissermaßen motivieren, uns ein wenig besser darum zu kümmern. Man muss bedenken, dass das Motto der diesjährigen re:publica 'finding Europe' hieß. Ich habe mich wahrscheinlich noch die so sehr mit dem Gedanken Europa beschäftigt, wie momentan und vielleicht auch noch nie richtig verstanden, was es bedeutet. Es ist schade, dass es bei mir so lange gebraucht hat, aber am liebsten gebe ich meiner früheren Schule die Schuld. Doch vielleicht ist es auch gut so, dass ich manche Dinge erst jetzt verstehe und mich für sie interessiere.



Hier sind noch zwei weitere sehr interessante Vorträge, die ich mir danach angesehen habe. Das eine geht um ACTA und das andere um das digitale Profil. Hierzu auch ein erklärender Blogartikel, was das bedeuten kann.


&


Ich muss sagen, ich habe so viele Eindrücke gesammel, dass ich einiges noch garnicht richtig verarbeitet habe und mich mit anderem vielleicht noch mehr beschäftigen muss, um es richtig zu verstehen. Doch es waren zwei bereichernde Tage.

Dinge, die mich nun weiterhin beschäftigen werden:
- Ist Europa eine utopische Idee?
- Informationsflatrate.
- Was wird passieren, wenn wir weiterhin große Firmen für uns denken lassen?
- Die Pflicht der Öffentlich-Rechtlichen, die Demokratie zu sichern.

Cheers~


P.S. morphoportis wrote a blogentry about me visiting her, too. Check it out here!